Warum ich Facebook & Co. vermissen würde

Warum ich Facebook & Co. vermissen würde
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Die Meldungen überschlagen sich. Eine Autorin nach der anderen meldet, dass sie ihre Facebookseite ausgeschaltet hat. Sie alle treibt die Angst um, nun verklagt zu werden, weil sie Facebook helfen, Daten zu sammeln. Dies hat nämlich der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, siehe Artikel bei tagesschau.de. Ist dies das Ende von Facebook, wie wir es kennen?


Die einen oder anderen Experten prophezeien bereits, dass sich nach diesem Urteil das Geschäftsmodell von Facebook auf Dauer nicht durchhalten ließe. Das Unternehmen lebt schließlich davon, aus den Informationen, die wir ihm geben, Kapital zu schlagen. Wenn dies nun nicht mehr ginge, müsste Facebook nach neuen Wegen suchen und höchstwahrscheinlich kostenpflichtig werden. Dies würde wiederum zur Folge haben, dass weniger Menschen das Netzwerk nutzen würden und letztlich den Nutzen des Systems beschneiden. Denn ein soziales Netzwerk erfüllt nur dann wirklich seine Aufgabe, wenn viele Menschen, oder zumindest die, mit denen ich in irgendeiner Weise in Kontakt stehe oder stehen möchte, dort auch vertreten sind.

Also zurück in die Achtziger?


Ich erinnere mich noch gut, wie es wahr, als ich in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts – ja, so alt bin ich schon – meine ersten Schritte ins Geschäftsleben machte. Wie schwer war es damals, außerhalb seines heimischen Umfelds irgendwie Gehör zu finden. Menschen, die den Ort verlassen hatten, waren aus dem eigenen Leben für immer verschwunden. Nur wer genug Geld hatte, konnte sich größere Werbeaktionen leisten. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es mir damals hätte gelingen können, als Autorin meine Leserinnen und Leser zu erreichen. Zumal es Selfpublishing in der aktuellen Form ja auch noch nicht gab. Nein, ich möchte die aktuellen Möglichkeiten der sozialen Netzwerke nicht missen.

Ist Datenschutz nicht wichtig?


Es geht mir nicht darum, die Bedeutung von Datenschutz zu schmälern. Es ist jede Achtsamkeit angesagt, um den Aktivitäten von Unternehmen und Regierungen genau auf die Finger zu schauen. Muss dies aber mit einer Entmündigung der Nutzer einhergehen? Denn wenn das EuGH sagt, dass ich als Betreiberin einer Seite auf Facebook die Besucher davor warnen müsse, dass Facebook sich merkt, was sie auf meiner Seite tun, dann setzt dies voraus, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, denen dies nicht klar ist. Das EuGH hält die Menschen anscheinend für unmündig. Sollte dies so sein, rechtfertigt dies verstärkte Bemühungen in entsprechender Weiterbildung der Menschen, aber die aktuellen Konsequenzen helfen niemandem. Natürlich kann ich einen Hinweis anbringen und Besucher warnen. Okay, dann habe ich es gesagt. Würde dies irgendetwas ändern? Im EuGH sitzen gestandene Juristinnen und Juristen, die eher der Generation angehören, für die das Internet modernes Zeug ist. (siehe Wikipedia ) Das Urteil zeigt klar diese Geisteshaltung. Es mag juristisch korrekt sein. Gemessen an der Lebenswirklichkeit ist es absurd.
Interessant ist auch, dass der gleiche Personenkreis, der gegen soziale Netzwerke wettert, jede Aktion der Sicherheitsbehörden zu mehr Überwachung aus Gründen der Sicherheit gerne mal durchwinkt.

Wie geht es weiter?


Wahrscheinlich wird demnächst beim Aufruf jeder Facebookseite eine Warnmeldung erscheinen, die mich über die schrecklichen Folgen meines Besuches aufklärt. Vielleicht angelehnt an den Hinweisen auf Zigarettenschachteln ergänzt mit abschreckenden Fotos von Menschen, die diese Warnung nicht berücksichtigt haben. Bald schon wird zudem Donald Trump vor dem EuGH verklagt, weil er Nutzer mit seinen täglichen Horrortweets nach Twitter lockt und dem Unternehmen damit ermöglicht, meine Daten zu sammeln. Mir wird auf Dauer auch nichts anderes übrigbleiben, als alle Brücken zu meinem bisherigen Leben abzubrechen und mich in die Einöde zurückzuziehen. Als Nutzerin einer Paybackkarte weiß das Unternehmen schließlich, wo ich meine Unterwäsche kaufe. Zudem weiß Google, wo ich gestern war, und Facebook weiß sowieso alles. Ich kann dem nur entfliehen, wenn ich alles hinter mir einreiße und verschwinde.

Okay, alternativ könnte ich mir natürlich auch all dem bewusst sein und darüber nachdenken, was ich offenbare. Ich muss nicht bei jedem Kauf meine Paybackkarte zücken. Ich muss nicht jede Aktivität bei Facebook & Co. posten. Ich kann sogar mein Handy ausschalten und zu Hause lassen. Denn eine Brain-Schnittstelle hat noch keines der Unternehmen.

Ich möchte diese tollen Möglichkeiten der sozialen Netzwerke weiter nutzen. Denn ich erreiche unzählige Menschen, tausche mich mit Personen aus, von denen ich sonst nie erfahren hätte. Es ist eine Bereicherung meines Lebens. Dies muss der EuGH bitte auch berücksichtigen.

Kleine Anmerkung: Surf doch mal gelegentlich auf Webseiten, die gar nichts mit dir zu tun haben. Ich schaue z.B. hin und wieder auf Seiten mit Babysachen. Prompt bekomme ich Werbung zu Babywindeln. Zeigt mir, welche Macht ich doch noch habe.


Noch eine Anmerkung: Mein Blog setzt im Übrigen nur genau ein Cookie, damit mein Popup nicht dauernd erscheint. Er nutzt kein Google Analytics und enthält keinen Facebook-Like-Button oder -Pixel.

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