Hörbuchproduktion: Wie aus geschriebenen Zeilen gesprochene werden

Hörbuchproduktion: Wie aus geschriebenen Zeilen gesprochene werden
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Nach Lesungen werde ich immer wieder gefragt, ob es meine Bücher auch als Hörbücher gibt. Dies muss ich verneinen. Ein Grund, mich mit dem Thema Hörbuch näher auseinanderzusetzen. Was macht man da am besten? Man fragt einen Experten. Dies habe ich auch getan und Thomas Dellenbusch gebeten, uns die Details rund um Hörbücher und deren Produktion zu erläutern.


Der Hörbuchmarkt ist ein ganz eigener Markt mit einer eigenen, teils eingefleischten Fangemeinde und besonderen Auszeichnungen (z.B. dem Deutschen Hörbuchpreis des WDR u.a.). Seit die Möglichkeit besteht, sich ein Hörbuch (wie ein eBook) auf sein Smartphone herunterzuladen, boomt dieser Markt. Man braucht keine CD mehr zu kaufen, für die Platz im Regal sowie ein Abspielgerät nötig sind, die darüber hinaus aufgrund der gegenständlichen Form auch teurer ist. Zudem funktioniert es 24/7, d.h. ohne Ladenöffnungszeiten zu berücksichtigen. Jederzeit herunterladen und mit dem Smartphone überall und jederzeit genießen!

Atmosphäre im Hörbuch schaffen


Auch bei einem Hörbuch kann man kreativ gestalten. Beispielsweise sieht man in einem Hörbuch nicht diese üblicherweise zentrierten, abgesetzten Sternchen, die im gedruckten Buch einen Szenenwechsel oder -übergang kennzeichnen. Das muss man akustisch kenntlich machen. Dafür bieten sich kleine 2-sekündige Musiksequenzen an. Natürlich kann nur Musik verwendet werden, die frei von Rechten Dritter ist.

Außerdem ist es möglich, einem Hörbuch noch mehr Atmosphäre zu geben. Wir machen das oft, indem bestimmte Schlüsselszenen mit einem passenden Atmo-Geräusch untermalt werden. Hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, wenn man denn weiß, woher man solche Geräusche bekommt. Dafür gibt es zur Software passende Bibliotheken zu kaufen. Das kann beispielsweise Regen oder Wind sein, Polizeisirenen, Möwen-Geschrei oder ein Pferdewiehern. In unserer letzten Auftragsproduktion für einen Selfpublisher spielt eine entscheidende Szene im Dschungel. Zu Beginn dieser Szene hört der Hörer typische Dschungelgeräusche.

Hier ist ein Beispiel als Hörprobe, die beginnt und endet mit einem eigens nur für dieses Buch komponierten Soundtrack:


Und hier ist ein Beispiel mit einem Atmo-Geräusch (Autocrash bei Minute 1:32):


Ferner ist es möglich, auch mit verschiedenen Stimmen zu arbeiten. Das ist per Definition dann aber schon ein Hörspiel und kein Hörbuch mehr. Auch dafür habe ich ein Beispiel:

Wie entsteht ein Hörbuch?


Die reine Chronologie der Ereignisse ist schnell erklärt. Der Sprecher liest das Buch in ein Mikrophon. Das wird durch eine geeignete Software aufgenommen. Danach werden die einzelnen Tonspuren (eine für jedes Kapitel) geschnitten (wie beim Film), die Lautstärke-Pegel angepasst, dann wird die Datei gemastert und z.B. ins MP3 Format konvertiert. Fertig!

Der Teufel steckt im Detail.


Es beginnt mit der Sprecherkabine, die idealerweise schallreduziert ist. Das führt bereits bei der Aufnahme zu einem klaren, trockenen Eingangssignal, frei von Neben- und Umgebungsgeräuschen. Wichtig außerdem: Der natürliche Raumklanganteil (Raumhall) wird gefiltert. Bei einer selbstproduzierten Aufnahme im heimischen Wohnzimmer hört man "den Raum" in der Wiedergabe. Der Sound hört sich nicht klar und trocken an, er hört sich "räumlich" an. Das ist nicht nur unschön, sondern führt später im Schnitt zu nahezu unlösbaren Problemen. Selbst dann, wenn Umgebungsgeräusche (z.B. Straßenverkehr im Hintergrund) vermieden werden können.

Solch ein schallreduzierter Aufnahmeplatz ließe sich zwar mit etwas Mühe und Aufwand improvisieren, beispielsweise mit einem Gartenpavillon im Wohnzimmer, dessen vier Seiten mit Wolldecken abgehangen werden, wichtig ist jedoch, dass ein solcher Raum ab einem gewissen Qualitätsanspruch unerlässlich ist.

In einem professionellen Studio ist auch die gesamte Signalkette optimal aufeinander abgestimmt. Beginnend bei einem hochwertigen Mikrophon, dessen Aufnahmebereich sozusagen die Form einer "Niere" hat. Kostengünstige Mikrophone für den Heimgebrauch verfügen oft nur über einen engen, frontalen Aufnahmestrahl, vor dem der Sprecher am besten mit dem Kopf fixiert werden müsste. Bewegt er seinen Kopf beim Einlesen auch nur geringfügig links und rechts aus dieser "Einflugschneise" heraus, entstehen hörbare Pegelschwankungen. Mikrophone in professionellen Studios kosten nicht selten ein paar Tausend Euro. Nur das Mikro!

Weiter geht es mit der richtigen Verkabelung, die leider auch recht teuer ist, aber das Ergebnis entscheidend beeinflusst, bis hin zu einem professionellen Vorverstärker ins Pult oder ins Interface einer DAW (Digital Audio Workstation) für ein sattes und klares Klangvolumen.

All diese Komponenten sind in einem Studio, in dem zu vermarktende Produkte produziert werden, seien es Musikalben oder Hörbücher, optimal aufeinander abgestimmt. Was nützte schon das beste Mikrophon, wenn es durch einen billigen Vorverstärker ausgebremst wird, oder schlimmer noch, wenn ein solcher gar nicht eingesetzt wird.

Heute wird digital gearbeitet, d.h. dass der gesprochene Text als Signal genau so in den Rechner kommt. Dafür bedarf es einer Wandlung, die ebenfalls nur von hochwertigen Wandlern möglich ist. Darüber hinaus sind diverse Tools wie gute Equalizer, Kompressoren, Limiter, zuverlässige Gates und verschiedene Software Plugins (z.B. für Effekte) erforderlich. All das optimal aufeinander abzustimmen erfordert Erfahrung und Know-how.

Jetzt folgt das Schwierigste: Der Schnitt!


Wir alle produzieren beim Laut-Lesen ungewollte Geräusche, z.B. Schmatzer oder kleine Klicks mit dem Gaumen. Mein Aufnahmeleiter nennt diese "Kekse". Der Fachausdruck lautet Artefakte. Die müssen natürlich raus, ebenso wie unnatürliche bzw. übertriebene Atmer und Ähnliches. Das ist eine Herkulesaufgabe. Der Schnitt beansprucht in der Regel die zehnfache Zeit im Vergleich zur Spieldauer des fertigen Hörbuchs. Alle gefühlten drei Worte muss man Kekse, Schmatzer oder Atmer herausschneiden und die beiden an dieser Stelle getrennten Tonspuren dann im richtigen Maß wieder so zusammenschieben, dass die entstandene Pause nicht auffällt, d.h. der gesprochene Text im "richtigen Flow" ist, so wie natürlich gelesen.

Zurück zu der vorher erwähnten Wohnzimmeraufnahme. Gibt man sich bei einer solchen die Mühe, all die Schmatzer, Kekse und Atmer herauszuschneiden und schiebt dann die beiden Enden der Tonspur wieder für einen natürlichen Flow zusammen, dann passen plötzlich die beiden unterschiedlichen "Raumhall-Frequenzen" nicht mehr kompatibel zusammen. Ohne Sprecherkabine und ohne Mikrophon mit einem "Niere"-förmigen Aufnahmebereich führt der spätere Schnitt zu Klangsprüngen im hörbaren Raumhall, bzw. in den Pegelschwankungen eines sich bewegenden Sprechers.

Es steht zu bezweifeln, dass professionelle Marktplätze wie z.B. Audible diese Qualität ins Programm nehmen würden. Beim Bemühen um einen Lieferantenvertrag bei Audible sollten Hörproben der Hörbücher mitgeschickt werden. Man hört den Unterschied, ob ein Hörbuch mit Bordmitteln oder professionell produziert wurde.

Es ist vergleichbar mit der viel verbreiterten Bildbearbeitung, z.B. mit Photoshop oder anderen Programmen. Wer schon einmal versucht hat, eine Person aus einem Bild konturgenau herauszuschneiden, um sie vor eine andere Umgebung zu setzen, weiß, was gemeint ist. Beim Profi gelingt das ganz natürlich. Beim Laien sieht es aus, als sei die herausgeschnittene Person mit dem groben Hammer aus dem Bild heraus gehauen worden.

Was kostet eine professionelle Hörbuchproduktion?


Das lässt sich natürlich nicht so pauschal beantworten. Die Studiomiete pro Tag liegt je nach Größe, Ausstattung und Bedeutung des Studios zwischen 300 und über 1.000 Euro für ca. 6 bis 8 Aufnahmestunden (da ist die spätere Nachbearbeitung (Schnitt) noch nicht mit drin).

Ein professioneller (ausgebildeter) Sprecher erhält üblicherweise rund 200 Euro pro Stunde finale Spielzeit. Das entspricht in etwa 100 Euro pro Aufnahmestunde (auch ein Profi-Sprecher verliest oder verspricht sich schon mal und muss wiederholen. Es ist ähnlich wie beim Film, ein "Take" muss dann neu aufgenommen werden).

Wir haben ein anderes Berechnungsmodell gefunden, mit dem wir professionelle Hörbuchproduktionen auch für Selfpublisher oder Kleinverlage finanzierbar machen und uns selbst damit diese Nische erobern wollen. Wir berechnen 6,50 Euro zzgl. MwSt. pro Normseite inkl. einem männlichen oder weiblichen guten Amateur-Sprecher.

Mehr Informationen dazu findet man hier.

Last but not least: Wie vertreibe ich mein Hörbuch?


Zunächst einmal kann man natürlich mit einem entsprechenden PayPal-Plugin einen ZIP-Ordner mit den MP3-Dateien auf der eigenen Homepage zum Download anbieten. Mit einem professionell produzierten Hörbuch kann man sich aber auch um einen eigenen Lieferantenvertrag bei Audible bemühen, die wiederum den zusätzlichen Vertrieb über Amazon und iTunes übernehmen. Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit, es über Distributoren an dutzende Hörbuch-Shops liefern zu lassen. Feiyr bietet so etwas beispielsweise an.


Thomas Dellenbusch vertreibt in seinem KopfKino-Verlag seit 2013 seine eigenen Bücher sowie Werke anderer Autoren. Dabei handelt es sich um Kurzromane (Novellen), die er als »Vorlesegeschichten für Erwachsene« vermarktet. Mittlerweile hat er mehr als 30 Hörbücher produziert, die über Audible, iTunes und Amazon vertrieben werden. Darunter auch längere Hörbücher (Vollromane) im Auftrag verlagsfremder Autoren. Dafür steht ein professionelles Tonstudio in Düsseldorf an seiner Seite.

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