Ich kann nicht plotten

Ich kann nicht plotten
Schreiben 2 Kommentare

Bei jedem neuen Projekt nehme ich es mir vor. »Dieses Mal arbeitest du alles detailliert aus«, sage ich mir, rufe das leere Dokument auf und starre es an. Dann beginne ich, die ersten Szenen zu skizzieren. Doch je weiter ich versuche, in der Story voranzuschreiten, desto vager wird es. Am Ende steht zwar etwas dort auf dem Bildschirm, aber ich weiß genau, dass mein Roman ganz anders aussehen wird. Es ist zum Verzweifeln.

Warum überhaupt detailliert plotten?

Ich habe mir vorgenommen, produktiver zu werden und mehr Bücher zu schreiben. Bisher habe ich gerade mal eines pro Jahr geschafft. Also habe ich mich nach Abschluss von »Tote machen Träume wahr« hingesetzt und zügig das nächste Projekt in Angriff genommen. Ich hatte es mir so schön ausgerechnet. Meine Romane haben im Regelfall einen Umfang von ca. 55.000 Wörtern. Es schien mir realistisch, etwa 1000 Wörter pro Tag neben der Arbeit und den anderen Verpflichtungen schreiben zu können. Ergab also 55 Tage, noch nicht einmal zwei Monate, bis die Geschichte stehen würde.
Ich ging es also an. Doch die Praxis zeigte, dass ich nur dann mein Pensum von 1000 Wörtern realisieren konnte, wenn vorher klar war, was ich schreiben wollte. Musste ich noch über mögliche Wendungen oder Details nachdenken, wurde es schwierig. Wenn ich also zukünftig produktiver werden möchte, komme ich nicht drumherum, ausführlicher zu plotten.

Natürlich gibt es einen Rahmen.


Es ist nicht so, dass ich keine Grundidee habe. Die gibt es sehr wohl. Das Gerüst, das ich zuallererst ausarbeite, orientiert sich an James N. Frey mit seiner Prämisse und seinem Stufenplan. Die Prämisse beschreibt eine Art Hauptaussage der Geschichte. Es ist im gewissen Maße auch die Veränderung, die die Hauptfigur durchlebt. Die weiteren Figuren haben zum Teil eigene Prämissen.
Die Prämisse in meinem aktuellen Projekt »Pseudonyme küsst man nicht« lautet zum Beispiel:

Die Zweifel an der Existenz von Liebe führen zur Liebe.

Darauf aufbauend sieht der Stufenplan folgende Abschnitte vor:

1

Ausgangs-situation

2

Erkennen

3

Vermutung

4

Test der Vermutung

5

Konfrontation mit der großen Herausforderung

6

Auflösung

Marcus Johannus hat die Schritte in seinem Roman-Cheatsheet noch detaillierter ausgearbeitet.
Ausgehend vom geplanten Umfang meines Buches stehen drei bis vier Kapitel für jede einzelne Stufe zur Verfügung. Die weiteren Schritte meiner Vorgehensweise habe ich hier beschrieben.
Mir gelingt es zwar, zu jeder Stufe einen Satz zu notieren, aber diese lassen noch sehr viel Spielraum.

Mein Ziel sind kleine Häppchen.


Elefant
Trotz aller Routine, die ich mittlerweile habe, ist ein Roman ein großes Projekt. Und große Projekte geht man am besten so an, wie man auch einen Elefanten verspeisen würde: in kleinen Bissen. Um also möglichst effektiv schreiben zu können, benötige ich diese kleinen Stückchen. Beim letzten Regionaltreffen des Selfpublisher-Verbandes erzählte mir ein Autor, dass er seine Romane via Mindmap bis ins Kleinste ausarbeitet. So hat ein Kapitel bei ihm 2500 Wörter und besteht aus vier Szenen. Jede Szene plant er vorab und er muss dann beim Schreiben quasi nur noch ausmalen. Bewundernswert.
Ich war fasziniert. Dies ist genau die Herangehensweise, die ich mir gewünscht habe. Also habe ich mich hingesetzt, und die letzten Kapitel meines Projektes »Pseudonyme küsst man nicht« in diese Häppchen aufgeteilt und an jedes davon notiert, was passieren sollte. Doch als es dann ans Ausmalen ging, stellte ich fest, dass manche Häppchen viel länger wurden als gedacht und andere mit zwei Sätzen abgearbeitet waren.
Dennoch hatten mir die Häppchen geholfen. Müssen sie vielleicht gar nicht so perfekt sein?

Plotten muss also sein.


Gerade habe ich mein nächstes Projekt gestartet und den Anfang zum vierten Biene-Hagen-Krimi gemacht. Der Stufenplan steht und das Raster für die Häppchen auch. Jetzt muss ich es noch ausfüllen, obwohl ich viel lieber einfach mit dem Schreiben loslegen würde. Doch ich weiß, wenn ich mir jetzt keine Gedanken über die weiteren Details mache, wird mein Schreiben ins Stocken geraten und vielleicht sogar die Qualität meiner Geschichte darunter leiden. Also zwinge ich mich dazu. In der Hoffnung, dass es mir irgendwann leichter von der Hand gehen wird. Zudem weiß ich ja, dass es mir auf jeden Fall hilft. Auch wenn meine Geschichte am Ende ganz anders aussehen wird.

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2 Kommentare Ich kann nicht plotten
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  • Kritisch?

    Mich beschäftigt die Frage auch, und ich denke, bis zu einem bestimmten Punkt funkioniert Plotten auch. Bestimmten Strukturen, Schemata funktioniert im Kopf und im Gefühl des Lesers. Trotzdem klingt das nach sehr viel Druck. Ich möchte nicht, dass du irgendwann ausgebrannt vor der Tastatur sitzt, weil du produktiv bist, aber den Spaß am Schreiben verloren hast. Vielleicht ist das die normale Entwicklung eines Künstlers. Ich denke, du bist über Social Media so aktiv, dass dich die Leser nicht vergessen, auch wenn du "nur" ein Buch pro Jahr veröffentlichst. Immer dem unsichtbaren Gelegenheitskäufer nachzujagen, das ist doch anstrengend!?

    • Kritisch?

      Danke für dein Mitgefühl, liebe Evy!

      Aber auch bei Dingen, die man aus Spaß macht, muss man sich manchmal ein wenig Druck geben. Insbesondere, wenn man etwas erreichen möchte. Ich kenne mich nämlich. Tief in mir drin bin ich stinkefaul und fange dann an, alles immer weiter vor mir her zu schieben. Und die Erfahrungen sind eindeutig: Alle erfolgreichen Autorinnen und Autoren schreiben mehr Bücher. Dem kann ich mich leider nicht entziehen. Aber ich denke, ich bin auf einem guten Weg.

      Herzlichen Gruß,

      Vera